Das Internet

Ein Internet-Anschluss als Weihnachtsgeschenk

 

 

Mein Sohn Stefan reiste am 23. Dezember an. Weil er nichts Besseres vorhatte, wollte er Weihnachten und Sylvester bei mir verbringen.

 

Nach der Begrüßung stellte er mir sofort die Frage: „Hast Du jetzt einen Internetanschluss“? Ich hatte keinen. Ein Internet-Anschluss war zwar für mich nicht lebenswichtig (für ihn anscheinend schon, so lange er bei mir zu Besuch war) – aber, na ja, ich hätte auch wirklich nichts dagegen. Dies ließ ich meinen Sohn wissen. „Dann müssen wir das wohl in die Wege leiten“, sagte er großzügig. „Spendiere ich Dir noch zu Weihnachten“.

 

Wer „wir“ sein sollte, weiß ich nicht. Ich habe auch nicht nachgefragt. Es dürfte sich um dieselbe Utopie handeln wie bei dem Wort „man“. „Man“ muss etwas gegen das oder das unternehmen, oder etwas für das oder das tun. In Politik, Wirtschaft, Umwelt usw. Kein Mensch weiß, wer „man“ ist, und keiner fühlt sich angesprochen. Deshalb geschieht dann auch meistens – nichts.

 

Doch in meinem Fall „Internet“ verhielt sich das anders. Es geschah etwas .....

 

Nun ist die Sache aber so gewesen, dass ich einen Uralt-Computer mein eigen nannte. Markus, der Freund meiner Tochter, schimpfte schon seit längerer Zeit über den „vorsintflutlichen Schrott“. Markus half mir hin und wieder, wenn ich diesbezüglich Probleme hatte. Schon lange wollte er mir ein anderes Programm draufladen, denn mein „altes Glump“ (bayrisch: ohne Wert) hatte einen Bart wie Methusalem.

 

Gegen dieses andere Programm weigerte ich mich standhaft. Ich bin nämlich eine „Technikflüchterin“, so hatte ich mich bisher nicht dazu durchringen können. Für mich reichte das alte Programm. Ich konnte damit schreiben und umgehen, das genügte. Außerdem scheute ich mich etwas davor, mich von Markus einweisen zu lassen. Er kennt sich da nämlich super aus und könnte leicht ungeduldig werden, wenn ich mich so ungeschickt anstelle. Und das ist mir dann peinlich.

 

Ja, also der Internetanschluss war mit diesem „alten Glump“ nicht zu machen. Das andere, viel bessere Programm musste dazu her. „In zwei Stunden habe ich es draufgeladen,“ sagte Markus im Brustton der Überzeugung, „und dann brauchst du nur noch ein Modem dazu“.

 

Am Mittwoch (zwischen Weihnachten und Neujahr) war es dann so weit. Markus rückte,  meine Tochter im Schlepptau, um 19.00 Uhr an, und begann sein Werk.

 

Nach zwei Stunden wurde er unruhig. Er brummelte vor sich hin. Irgendetwas schien nicht zu stimmen. Das „Werk“ kam nicht voran. Es gab Schwierigkeiten. Nun ja, dachte ich, was geht das mich an, sie wollten es ja so.

 

Um 22.00 Uhr stand Stefan neben Markus am Computer, denn die Probleme schienen sich nicht zu lösen. Um 23.30 Uhr quengelte meine Tochter im Hintergrund herum, dass es schon

so spät sei, und sie morgen arbeiten müsse. Um 24.00 Uhr brachte Markus sie nach Hause (die beiden wohnen nicht weit von mir).

 

Um 00.30 Uhr war die Stimmung schon ziemlich aufgeladen. Es knisterte sozusagen im Raum. Der ungeduldige Stefan, der wütende Markus, ein erfreuliches Paar. Ansonsten hatten  sie alles im Griff.

 

Um 01.30 Uhr ging mein Sohn ins Bett. Er hatte sich für den Donnerstag mit einem Freund zum Ski fahren verabredet.

 

Nun stand ich neben Markus am Computer. Ich unterdrückte einige Gähnanfälle, denn ich wollte ihm nicht das Gefühl geben, dass mich die Sache langweilt, zumal er ja ziemlich aufgebracht war. Aber ein schlechtes Gewissen machte ich mir auch nicht. War das Internet, bzw. das Aufspielen des neuen, viel besseren Programms vielleicht meine Idee?! Ich verstehe ja nicht viel davon (deshalb wird meine Beschreibung des ganzen Vorganges wohl auch wenig profimäßig sein), sah mir nur tapfer, und vorsichtshalber stillschweigend,  die immer wiederkehrenden Fehlermeldungen auf dem Bildschirm an.

 

Dazu muss ich erklären, dass - wenn jemand oder etwas Markus wütend macht - man ihm vorsichtshalber aus dem Weg gehen sollte. Markus ist sehr technikfreudig, vor allem was die Kommunikationstechnik anbelangt, und nun das! Ihm! In diesem Fall platzte er aber nicht, keinerlei Schimpfkanonaden entflohen seinem Mund. Kein Ton, keine Regung; diesmal kochte er innerlich. Nach außen hin blieb er cool.

 

„Du kannst ruhig ins Bett gehen,“ meinte Markus großmütig. Aber ganz allein in der Nacht wollte ich ihn auch nicht lassen. Vielleicht war meine Anwesenheit nicht hilfreich für ihn, vielleicht wäre er sogar lieber allein gewesen. Doch ich wusste es nicht, und so habe ich zumindest meine Solidarität gezeigt. Und ihm zwischendurch Kaffee gekocht. Ansonsten starrten wir in den Bildschirm (er sitzend, ich stehend), der fortlaufend seitenweise seitenlange Fehlermeldungen von sich gab. 

 

Um 03.45 Uhr am frühen Morgen quoll der Aschenbecher über. Die Dose mit dem „Istanbul Türk kahvesi“ dagegen war leer. Markus gab seine Versuche, in zwei Stunden das neue, viel bessere Programm draufzuladen, für diese Nacht auf. Er ließ meinen Rechner samt Bildschirm und Tastatur, das neue, viel bessere Programm, sowie die Internet-Ambitionen im Stich, und fuhr heim. Ich bin wirklich für jede Hilfe dankbar, doch zu diesem Zeitpunkt folgte ich dem Ausspruch des früheren FC-Bayern-Trainers Giovanni Trappatoni von ganzem Herzen: „Ich habe fertig“!

 

Die restliche Nacht gestaltete sich für mich nicht weniger anstrengend: ich träumte von unzähligen Nullen, die unaufhörlich aus dem Bildschirm sprangen und alle hinter mir herrannten. Mein Schlaf war nicht nur kurz, ich musste auch dauernd flüchten.

 

Am Donnerstag um 17.00 Uhr nahm Markus seine Tätigkeit an meinem Schreibtisch wieder auf. Er saß bis 21.00 Uhr am Rechner – erfolglos (der Aschenbecher quoll wieder über, doch zumindest enthielt die Kaffeedose genügend Pulver – diesmal servierte ich Espresso).

 

Da Markus  am nächsten Morgen um 04.00 Uhr aufstehen musste, nahm Stefan, der völlig k.o. vom Ski fahren zurückkam (warum nur? Er ist doch gestählt von seinen ausgeprägten sonstigen, die Kondition unterstützenden sportlichen Aktivitäten!) seine Stelle ein.

 

Um 24.00 Uhr ging ich ins Bett. Kaffee musste sich Stefan selbst kochen. Ich war reichlich  müde von der letzten kurzen Nacht mit den diversen Fluchtversuchen. Stefan „arbeitete“ bis   01.00 Uhr. Dann gab auch er, völlig skifahr- und computer-erschöpft, auf.

 

Als mein Sohn am Freitag Vormittag den Rechner wieder einschaltete,  machte der – gar nichts mehr, nicht einmal Fehlermeldungen. Er selbst hatte wohl auch langsam die Nase voll.  Kein Licht, kein Ton, kein Bildschirm. Da war er hin, der Computer, oder das Programm, die Festplatte, was auch immer. Wie gesagt, ich kenne mich da nicht so aus.

 

Markus teilte ich die Nachricht telefonisch mit. Er sagte daraufhin auch nichts, gar nichts mehr. Nun, wie gesagt, ich hatte einen veralteten, aber funktionstüchtigen Computer. Wirklich. Aber damit war’s vorbei. Und mit dem neuen, vielgerühmten Programm war’s auch nichts, geschweige denn mit dem Internetanschluss. Ich wartete ab, was sich weiterhin tun würde...

 

Es tat sich auch etwas. Am Samstag erschien Markus, bewaffnet mit einer anscheinend neuen Festplatte oder so, und ich bekam einen ganz neuen „gebrauchten“ Computer und eine neue Tastatur. Es dauerte auch nicht lange, bis alles lief.

 

Am dritten Januar reiste mein Sohn wieder ab.

 

Ich gestehe ehrlich, dass ich mit diesem neuen Programm wirklich leichter und besser arbeiten kann, als mit dem „alten Glump“. Zum Beispiel schreibe ich darauf diese Geschichte.

 

Mir fällt ein Spruch ein, den wir als Kinder immer rezitierten, wenn jemand sein Versprechen nicht hielt: „Versprochen ist versprochen, und wird nicht mehr gebrochen.“ Wie war das doch mit dem Internet, das „wir“ in die Wege leiten wollten?!

 

Zur Zeit reifen die Beeren in meinem Garten. Einen Internetanschluss habe ich bis heute noch nicht.

 

 

Postskriptum:

 

Zwischenzeitlich habe ich längst meinen Internet-Anschluss und eine Email-Adresse: j.fellner-pickl@web.de 

 

Dankbar bemerke ich, dass ich „von anderer Seite“ geduldig und „hausfrauengerecht“ eingeführt wurde. Ich surfe und maile kreativ und nach Herzenslust. Obwohl mir das Internet vorkommt wie das Universum - unergründlich - sind Gigabyte, Website, Server und Hacker für mich keine spanischen Dörfer mehr. Das World-Wide-Web hält mich gefangen.

 

Meine erste Mail erhielten Markus und Stefan. Mein Sohn äußerte sich (wie meistens) nicht. Aber Markus war gekränkt. Ist er heute noch. Er hätte doch längst, aber ich wollte ja nicht ... Da ist was Wahres dran, ich gestehe es. Bin halt ein wenig feige, wenn es um Technik geht. So möchte ich hiermit ganz offiziell Abbitte leisten.

 

Trotzdem bleibt eine Bemerkung am Rande: das versprochene Weihnachtsgeschenk, einen Internet-Anschluss, hatte ich zu Weihnachten nicht bekommen!